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Jahr für Jahr zieht die Stadt Venedig
mit ihren Palästen und Kirchen, mit ihren Kanälen und Gondeln,
mit ihrer Malerei und dem Zauber längst vergangener Lebensform mehr
als 13 Millionen Besucher in ihren Bann. Die inmitten der Lagune
von Venedig gelegene "Königin der Meere" wurde auf
Millionen von Eichen-, Lärchen- und Ulmenstämmen errichtet.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein verband eine einzige Brücke
- die Rialto-Brücke - die durch den Canal Grande getrennten Stadtviertel.
Heute verbinden mehr als 400 Brücken die 118 Inseln der Stadt
und überspannen dabei mehr als 160 Kanäle.

Die Geschichte der Region Venedig
ist im Vergleich zu anderen italienischen Städten ausgesprochen
jung. Im Jahr 452 n. Chr. flüchten die Einwohner des von dem Hunnenkönig Attila zerstörten Aquilea auf
die Inseln der Lagune, von denen einige bereits durch Bauern
und Fischer besiedelt sind. Die Inselbewohner zeigen sich von
diesem Zustrom an Flüchtlingen nicht sonderlich begeistert:
"Veni etiam" - da kommen immer mehr. Aus "veni
etiam" soll später "Venedig" geworden sein.
Im
Jahr 568 bringen
sich in Chioggia und auf den Laguneninseln Malamocco, Bibiones,
Caprulae, Heraclea, Equilus und Torcellus weitere Flüchtlinge aus
Padua, Grado, Montselice und Altinum vor den Langobarden in Sicherheit.
Es entsteht ein Staatsgebilde, dessen Zentrum die Insel Torcellus,
das heutige Torcello, ist und das von Volkstribunen regiert
wird. Im Jahr 697 wählen die Veneter den ersten Dogen. Die junge
Republik, später La Serenissima genannt, wächst langsam und in Abhängigkeit vom Oströmischen
Reich, das ihm jedoch keinerlei Schutz bietet. Als der Franke
Pippin, zweiter Sohn Karls des Großen, im Jahr 809 versucht, die
Veneter zu unterwerfen, indem er seine Soldaten von Insel zu
Insel durch die Lagune treibt, bleibt den Angegriffenen nur, auf die unzugängliche
und bisher bedeutungslose, von Sümpfen
umgebene Insel "Rivo alto" zu flüchten - den heutigen Stadtteil Rialto.
Und während Chioggia, Malamocco, Heraclea und Albiola von den
Franken erobert werden, gründen die Veneter
auf Rivo alto eine neue Stadt: Venedig.
Mehrere
Generationen sind in der Folge damit beschäftigt, Pfähle in
das schlickige Watt zu rammen, um für die wachsende Stadt neuen
Lebensraum zu gewinnen. Im Jahr 828 wird der Grundstein der
Markus-Basilika gelegt, um die von venezianischen Seefahrern
in Alexandria geraubten Gebeine des Heiligen Markus aufzunehmen.
Bis
zum Jahrtausendwechsel entwickelt sich Venedig zu einem mächtigen
Stadtstaat. Mit der Errichtung des Arsenals, dem Bau von Werften
und dem Aufbau einer großen Flotte von Handels- und Kriegsschiffen,
mit der Eroberung Dalmatiens
und den Kämpfen gegen die Sarazenen und Normannen setzen
die Veneter deutliche Zeichen: der Einfluss von Byzanz wird immer
schwächer. Die adligen Großkaufleute der Stadt bilden den "Großen
Rat" und lenken nun die Geschicke des Staates, das Volk
wird politisch entmündigt. Gleichzeitig entwickelt sich ein gewinnbringender
Handel.
Beschlagen in der Diplomatie, sorgt der Adel auch für einen wachsenden
politischen Einfluss Venedigs: Im Jahr 1177 vermittelt die
Republik zwischen Kaiser Barbarossa und Papst Alexander III.
Nur 25 Jahre später wird der Doge Enrico Dandolo mit der Führung
des 4. Kreuzzuges beauftragt, weil nur Venedig über eine ausreichend
große Flotte zum Transport der 4.500 Kreuzritter und deren Tross
verfügt. Doch Dandolo führt das Ritterheer nicht
nach Palästina, er schickt es zuerst an die dalmatinische Küste,
um Zara zurückzuerobern, das der König von Ungarn zuvor den
Venetern entrissen hatte. Nach dem Fall der Stadt gelingt es
Dandolo, das Kreuzheer statt nach Ägypten, mit dem Venedig eine
lukrative Handelsbeziehung unterhält, gegen Ostrom zu schicken.
Palästina, das heilige Grab und der Auftrag des Papstes sind
vergessen. 20.000 waffenfähige Männer erobern Byzanz, das damals
300.000 Einwohner und die stärksten Befestigungsanlagen damaliger
Zeit hat. Die Stadt wird gnadenlos ausgeplündert, selbst Kirchen
und Heiligtümer werden von den Kreuzrittern nicht verschont.
Bei der Verteilung der Beute erhalten die Veneter den Löwenanteil,
schließlich hatten sie mit ihrer großen Flotte das Unternehmen
ja erst ermöglicht. Unglaubliche Schätze werden nach Venedig gebracht. Mit
dem Eintreffen der oströmischen Beute verändert sich das Bild
der Stadt: hölzernes Fachwerk wird durch Marmor ersetzt, einfache
Häuser müssen nun luxuriösen Palästen weichen.
Der venezianische
Reichtum weckt aber auch Begehrlichkeiten: 1380 werden die
Genuesen, die schon in die Lagune von Venedig eingedrungen sind, in letzter
Sekunde geschlagen. Im 15. Jahrhundert setzt man sich
gegen Padua, Verona und Brescia zur Wehr. Die Republik hat den
Zenit ihrer Macht erreicht.
Mit
der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453
kommen byzantinische Emigranten nach Venedig und bringen Homers
und Platons Werke in die Stadt, die durch ihre Philosophen zu
einem bedeutenden Zentrum des Humanismus wird. Einer von ihnen,
Gasparro
Contarini, verteidigt im Jahr 1521 Martin
Luther auf dem Reichstag zu Worms. Mit dem Fall von Konstantinopel
verliert Venedig die Kontrolle über die Dardanellen und den
Schwarzmeer-Handel. Noch schlimmer wirkt sich die Eroberung
Ägyptens durch die Türken unter Sultan Selim I. im Jahr 1517
aus: der wichtigste Handelspartner der Republik geht nach mehr
als siebenhundert Jahren verloren und wird zu einer türkischen
Provinz.
Im Kampf gegen
die Liga von Cambrai, die von Kaiser Maximilian I., Ludwig XII., dem Papst sowie Spanien und England gebildet
wurde, um die Republik Venedig zu erobern, gelingt es den Venetern
mit ihrer geschickten Diplomatie im letzten Moment, die Gegner zu isolieren und
so zu überleben.

1571 kann eine spanisch-venezianische
Flotte in der Schlacht von Lepanto zwar die türkische Flotte
vernichtend schlagen, aber die jahrzehntelangen kriegerischen
Auseinandersetzungen auf dem Festland kann die See-Republik nicht
für sich entscheiden.
Mit der Verlagerung des Gewürzhandels
auf den von Venedig nicht zu kontrollierenden Seeweg um das
Kap der Guten Hoffnung herum in das westliche Mittelmeer durch die erstarkenden Seemächte
Spanien, Portugal, England und Holland und mit deren Ausbeutung des
gerade entdeckten Amerika verliert Venedig seine
Handels- und Seefahrt-Dominanz im Westen, durch die endlosen
Türkenkriege tritt auch im Osten ein deutlicher Macht- und Einflussverlust
ein.
Zwar gelingt es dem in Diensten der Lagunenrepublik
stehenden Feldmarschall Graf von Schulenburg und dessen Stab
im Jahr 1716 die für den venezianischen Mittelmeerhandel so
wichtige Insel Korfu trotzt gravierender Mängel an der Festung
und eines Mangels an Munition und weitreichenden Geschützen
gegen die zahlenmäßig weit überlegenen Invasionstruppen der
Türken zu verteidigen, doch das Ende der ehemals mächtigen Republik Venedig läutet
nur zwei Jahre später der Schmachfrieden von Passarowitz im Jahr 1718 ein: Venedig
muss den drei Jahre zuvor eroberten Peloponnes abtreten und
- noch schlimmer - osmanischen Kaufleuten wird der freie Handel
im Kaiserreich Karls VI. zugesichert. Ab sofort zählt die Republik
nicht mehr zu den Großmächten. Vergeblich versucht man, den
unaufhaltsamen Abstieg mittels Glanz, Pomp und riesigen Geldmitteln
zu verschleiern. Venedig wird zur Hauptstadt des Vergnügens,
die Dekadenz hält Einzug und der Karneval wird fast zu einer Dauereinrichtung:
Er beginnt am ersten Sonntag im Oktober, dauert bis zwei Wochen
nach Christi Himmelfahrt und wird nur kurz von Weihnachten und
der Fastenzeit unterbrochen.
Nach und nach verfallen die ehemals so strengen Sitten der Dogenrepublik,
die Regierung ruft sogar die aus der Stadt verbannten Kurtisanen
und Dirnen "wegen ihrer Verdienste" zurück.
Mit Napoleons Kriegserklärung löst
sich der Große Rat am 12. Mai 1797 auf, Venedig kapituliert
und der letzte
Doge Lodovico Manin dankt vier Tage später ab. Dreitausend französische
Soldaten besetzen die Stadt und man übergibt Napoleon den goldenen
Schlüssel zum Arsenal. Doch Bonaparte hält keine seiner Zusagen:
Er verlegt kurz darauf seine Truppen wieder und überlässt Venedig
dem Kriegsgegner Österreich, dessen Truppen am 18. Januar 1798
die Stadt besetzen. Durch den Frieden von Campo Formio
folgen endgültig Jahre der österreichischen Fremdherrschaft, bis Venetien
nach dem Sieg der Preußen über Österreich in der Schlacht von
Königgrätz an Napoleon III. fällt, der dem Volk die Entscheidung
zur Staatszugehörigkeit überlässt. Die Volksabstimmung des Jahres
1866 entscheidet mit nur wenigen Gegenstimmen, dass Venetien
dem Königreich Italien angegliedert werden soll. Am 7. November
1866 zieht König Viktor Emanuel II. feierlich in die nun italienische
Lagunenstadt ein.
Danach
hat Venedig zweimal riesiges Glück: Beide Weltkriege
übersteht die Lagunenstadt unversehrt.
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